25.06.2019 10:56 Age: 142 days
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GEOkompakt stellt Prof. Dr. Dirk Haller mit seinem Forschungsschwerpunkt "Das Darm-Mikrobiom als inneres Ökosystem" vor


Das innere Ökosystem

Prof. Dr. Dirk Haller, Mikrobiologe, München, Rund 1500 Arten von Mikroorganismen siedeln inunserem Darm. Dirk Haller erforscht, wie sie uns über ihr komplexes »Supergenom« beeinflussen – und wie ihre Zusammensetzung uns formt »Darmkeime wirken sich auf Immunsystem, Nerven und innere Organe aus« Als ich vor 20 Jahren erste Vorträge dazu hielt, welchen Einfluss das Mikrobiom, also die in unserem Darm lebenden Mikroben, auf uns haben, wurde ich ausgelacht. Es gab damals so gut wie keine Studien zum Thema. Mir erschien es immer unlogisch, dass dieses Ökosystem in uns – das am dichtesten besiedelte der Welt übrigens – nichts mit unserem Körper, unserem Wohlbefinden zu tun haben sollte. Die vergangenen zehn Jahre haben mich und Kollegen bestätigt. Mehr noch: Mittlerweile ist das einstige Desinteresse in einen Hype umgeschlagen. Rund 44 000 Publikationen sind zuletzt darüber erschienen, fast die Hälfte davon in den vergangenen beiden Jahren. Die neuen Erkenntnisse verdanken wir vor allem neuen Möglichkeiten, das komplexe Supergenom der Mikroben entschlüsseln und die dabei gewonnenen Daten mithilfe der Bio-Informatik verarbeiten zu können. Wir gehen heute davon aus, dass bis zu 1500 verschiedene Darmbakterien-Spezies in uns wohnen. Die besitzen rund zehn Millionen Gene, deren Aktivität die unserer körpereigenen Gene beeinflusst. Auch durch ihre Stoffwechselprodukte, die über den Darm Immunsystem, Nerven, Energiehaushalt sowie innere Organe wie Herz und Leber beeinflussen, wirken sich die Mikroben auf den Körper aus – im Guten wie im Schlechten. Wir erkennen etwa, dass Entzündungen oder Krebserkrankungen oft mit spezifischen Veränderungen in der Bakterien-zusammensetzung im Darm einhergehen. Oder dass Menschen mit Diabetes davon profitieren, wenn man ihnen den Stuhl anderer transplantiert. Auch wenn uns noch viele Fakten verborgen sind, scheint eines klar: In falscher Mischung können Darmkeime Krankheiten auslösen. Manche Mediziner wollen dies zum Ausgangspunkt neuartiger Therapien nutzen und durch die Gabe spezieller Bakterien Leiden heilen. Mir geht das zum Teil allerdings zu schnell. Natürlich sind viele Zusammenhänge extrem spannend – doch Korrelationen sind nun mal keine Kausalitäten. Und eines sollten wir aus der humanen Genomforschung gelernt haben: Der DNS-Code allein kann die komplexe Biologie nicht erklären. Wir haben 20 Jahre gebraucht, um festzustellen, dass das Mikrobiom uns formt und beeinflusst. Nun brauchen wir sicher noch einmal so lange, um zu verstehen, wie genau dies geschieht.